Artikel von Andreas G. Henkel – 22. Juli 2026

Vom Portal zu telemedizinischen Anwendungen: Warum das KHVVG die Karten in der Fläche neu mischt



Das KHVVG verändert gerade leise, aber grundlegend, wie sich Krankenhäuser strategisch aufstellen müssen. Leistungsgruppen, Ambulantisierung und der Druck auf kleinere Standorte werfen eine Frage auf, die in vielen Häusern noch gar nicht auf dem Tisch liegt: Wer versorgt künftig die Fläche, und mit welcher Infrastruktur? 

Ich habe diese Frage in den vergangenen Wochen in mehreren Gesprächen mit Kliniken diskutiert, und ein Muster fällt mir dabei immer wieder auf. Über Portale, Telemedizin und Mehrwertdienste wird viel gesprochen. Aber fast immer als Sammlung einzelner Projekte, selten als eine zusammenhängende Geschichte. 

Die eigentliche Chance: Expertise dorthin bringen, wo der Bedarf ist 

Häuser, die heute gesicherte Leistungsangebote und ausgewiesene medizinische Expertise vorhalten, sitzen auf einem strategischen Vermögen. Mit der Ambulantisierung und der Neuordnung der Versorgungslandschaft entsteht die Möglichkeit, dieses Vermögen nicht nur am eigenen Standort einzusetzen, sondern es telemedizinisch genau dorthin zu bringen, wo die Bedarfe entstehen: in unterversorgte Regionen, an kleinere Standorte, in die ambulanten Strukturen davor und dahinter. 

Wer sich so positioniert, überlässt Versorgungslücken nicht anderen, sondern unterbreitet der Fläche eigene Angebote. Das ist keine Zukunftsmusik, sondern die logische Konsequenz aus dem, was das KHVVG anlegt. Die entscheidende Frage ist nur: Auf welcher technischen Grundlage soll das geschehen? 

Der Irrweg: ein Park an Spartenlösungen 

Die naheliegende, aber trügerische Antwort lautet: für jeden Anwendungsfall eine eigene Applikation. Ein Telekonsil-Tool hier, eine Videosprechstunde dort, ein separates Zuweiserportal, eine eigene Lösung für das Monitoring. Jede dieser Anwendungen mag für sich funktionieren. Zusammen ergeben sie einen Applikationspark, der an jeder Stelle eigene Schnittstellen, eigene Benutzerverwaltungen, eigene Betriebs- und Sicherheitskonzepte verlangt und keine gemeinsame Kommunikationsbasis besitzt. 

Als ehemaliger Klinik-CIO kenne ich das Ergebnis gut: Jede zusätzliche Insellösung erhöht den Betriebsaufwand überproportional, bindet knappe IT-Ressourcen und macht jede spätere Konsolidierung teurer. Vor allem aber skaliert dieses Modell nicht. Wer Versorgung in der Fläche anbieten will, kann nicht für jede Region und jeden Anwendungsfall eine neue Einzellösung ausrollen.

Die Alternative: eine zentrale Versorgungskooperations- und Steuerungsplattform als Enabler 

Der tragfähige Weg beginnt an anderer Stelle: bei einer zentralen Versorgungskooperations- und Steuerungsplattform. Interoperabilität ist ihr Fundament, standardisierte Schnittstellen auf Basis von HL7 FHIR und IHE, ein konsistentes Identitäts- und Berechtigungsmanagement, eine einheitliche Dokumenten- und Datenlogik über Sektorengrenzen hinweg. Doch sie ist mehr als nur eine Interoperabilitätsplattform: Sie organisiert die Zusammenarbeit der Versorgungspartner und steuert Abläufe über Einrichtungsgrenzen hinweg, von der Zuweisung über das Telekonsil bis zur Nachversorgung. Genau diese Kombination stellt die gemeinsame Kommunikationsbasis her, auf der telemedizinische Angebote tragen. 

Auf dieser Grundlage verändert sich die Rolle von Speziallösungen fundamental. Sie werden nicht mehr als isolierte Silos betrieben, sondern als Fachdienste an die Plattform angebunden. Das gilt ausdrücklich auch für Anwendungen, die selbst Medizinprodukte sind: Über die Plattform lassen sie sich an den Ort des Geschehens bringen, in die Telekonsultation, an den entfernten Standort, in die ambulante Struktur, ohne dass dort jeweils eine eigene Infrastruktur entstehen muss. 

Damit dreht sich die Logik um. Nicht die Applikation bestimmt die Architektur, sondern die Architektur ermöglicht die Applikationen. Genau das meine ich mit Enabling. 

Vom Portal zur Plattform: eine Geschichte mit Bogen

Viele Häuser haben mit Patienten- oder Zuweiserportalen bereits den ersten Schritt gemacht, oft getrieben durch KHZG-Fördertatbestände. Das ist wertvoll, aber es ist der Anfang der Geschichte, nicht ihr Ende. 

Ein interoperables Portal, das auf einer sauberen Plattformarchitektur steht, ist der natürliche Ausgangspunkt für telemedizinische Fachanwendungen: Terminierung und Aufklärung, Videokonsultation, strukturierte Befundübermittlung, Einbindung von Monitoring und Fachdiensten, Rückkanäle zu Zuweisern und nachversorgenden Einrichtungen. Jeder dieser Schritte nutzt dieselbe Basis, dieselben Identitäten, dieselben Datenflüsse. Das ist der Unterschied zwischen einem weiteren Projekt und einer nachhaltigen Versorgungsinfrastruktur. 

Für die Häuser, die sich unter dem KHVVG in der Fläche positionieren wollen, ist diese Reihenfolge entscheidend. Wer zuerst die Plattform denkt, kann Mehrwertdienste in dem Tempo aufbauen, das die Versorgung verlangt. Wer zuerst die Einzelanwendungen kauft, baut sich die Hürden von morgen. 

Und die Ärztinnen und Ärzte? 

Am Ende entscheidet nicht die Architektur über den Erfolg, sondern die Akzeptanz derer, die damit arbeiten. Telemedizin setzt sich dort durch, wo sie sich in den klinischen Alltag einfügt, statt ein weiteres Fenster, ein weiteres Passwort und einen weiteren Prozessbruch zu erzeugen. Auch das ist ein Argument für die Plattform: Sie macht aus vielen Einzelanwendungen einen zusammenhängenden Arbeitskontext.

Deshalb gehört diese Diskussion nicht nur in die IT-Abteilungen und Geschäftsführungen, sondern ausdrücklich in die Ärzteschaft. Die Frage, wie medizinische Expertise künftig in die Fläche kommt, ist zuerst eine Versorgungsfrage und erst danach eine Technikfrage. 

Mich interessiert Ihre Perspektive: Wo steht Ihr Haus auf dem Weg vom Portal zur Plattform? Und was sind aus Ihrer Sicht die größten Hürden, telemedizinische Angebote in die Fläche zu bringen?






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